1. März 2015 - Keine Kommentare!

Foam Rolling – Ja/Nein? Wenn Ja, wann?

 

Als ich gestern bei meinen Footballspielern einen Vortrag über Verletzungsprophylaxe und Krafttraining gehalten habe, gab ich auch einen kleinen Einblick ins Foam Rolling. In diesem Zusammenhang hatte ich am Tag zuvor mal wieder das Internet nach Seiten mit den neusten Produkten durchsucht. Dabei stieß ich auf unterschiedlichste Artikel und Studien, die vor Verallgemeinerungen gerade zu strotzten, warum Foam Rolling gut oder schlecht sei und wann man es einsetzen sollte. Magazinen und Personal Trainern sind dabei jegliche Mittel recht, um auf sich aufmerksam zu machen und ihren Weg als das Mittel der Wahl zu verkaufen, ohne dabei den Sportler als Individuum zu betrachten und zu erkennen, dass jeder Körper andere Bedürfnisse hat. Natürlich gibt es neurophysiologische und anatomische Gesetzmäßigkeiten, die bei Jedem gleich sind und daher zu allgemeingültigen Regeln führen. Allerdings weist doch jeder Körper auch gewisse individuelle Merkmale auf, wie z.B. frühere Verletzungen oder angeborene anatomische Variationen.

Kommen wir erst einmal zu den allgemeingültigen und durch multiple Studien bestätigten Regeln. Das Foam Rolling führt im Bindegewebe zu einem sogenannten "Release Phänomen", welches mit einer Tonussenkung einhergeht. Dem Bindegewebe bzw. den Faszien wird der Beginn einer trophotropen Phase signalisiert, also eine Phase der Erholung und Regeneration. Der Metabolismus wird angeregt und die Viskoelastizität im Gewebe steigt, also wird eine bessere Versorgung mit Nährstoffen gewährleistet und das Gewebe wird "geschmeidiger". Was bedeutet das für den Sportler? Es heißt, dass das Foam Rolling tendenziell eher nach dem Sport eingesetzt werden sollte. Unterschiedlichste Studien haben gezeigt, dass Foam Rolling unmittelbar vor dem Sport, ähnlich wie das statische Dehnen, zu geringen Leistungseinbußen führen kann.

Doch wie soll ich stattdessen meinen Körper auf den Sport vorbereiten? Unmittelbar vor dem Training sollte als Vorbereitung für das Gewebe ein "Dynamic Warmup" durchgeführt werden. Dies führt ebenfalls zu einem gesteigerten Metabolismus und zu einer erhöhten Viskoelastizität im Gewebe, ohne aber den Körper dabei in ein trophotropes Stadium zu versetzen. Ganz im Gegenteil, die Ansteuerung über das zentralen Nervensystemes wird angeregt und der Körper in ein ergotropes Stadium versetzt, also ein Stadium der Arbeit und Aktionsbereitschaft.

Aber was ist mit dem Sportler, der angeborene knöcherne Formvarianten im Bereich der Hüftgelenke und damit einhergehend beispielsweise permanent einen hohen Tonus in den Adduktoren hat? Was ist mit dem Sportler, der nach einer schlecht ausgeheilten Weberfraktur immer wieder Probleme im Bereich des Unterschenkels hat? Meiner Meinung nach steht hier die Gesundheit des Sportlers und nicht seine Leistungsfähigkeit im Vordergrund! Ihn lasse ich auch unmittelbar vor dem Sport zusätzlich den Foam Roller nutzen und nehme die dadurch bedingt geringen Leistungseinbußen in Kauf. Folglich muss also ganz genau untersucht werden, um Empfehlungen in Bezug auf Trainingsgestaltung geben zu können.

Und genau dort fängt auch mein Problem mit dem Foam Rolling an. Um noch einmal klar zu stellen: Ich bin ein absoluter Fan des Foam Rollers, nutze ihn selbst und rate Jedem, egal ob Sportler oder nicht, regelmäßig mit einem Foam Roller zu arbeiten! ABER: Wie bei jedem neuen Trend werden nur die überragenden Fähigkeiten des Produktes angepriesen und die Grenzen verschwiegen. Dies führt oft dazu, dass Leute versuchen das Produkt als Standardlösung für alle Probleme einzusetzen. Ich werde nie vergessen als das Kinesiotape neu auf den Markt kam...Es wurde als Patentlösung für jegliche Bewegungseinschränkungen und Verletzungen angepriesen. Das nicht auch noch propagiert wurde, dass es für Weltfrieden sorgen und den Hunger in der dritten Welt besiegen könnte, ist auch alles.

Und genauso ist es auch mit dem Foam Rolling. Der Foam Roller ist ein super Produkt zur Bearbeitung von z.B. faszialen Restriktionen und alten Verletzungen im Bindegewebe. Aber was ist wenn trotz regelmäßiger Nutzung des Foam Rollers und trotz sehr gut ausgeprägten biomechanischen Bewegungsabläufen immer wieder an ein und derselben Stelle Restriktionen auftreten, oder sich gar nicht erst beseitigen lassen? Spätestens dann sollten doch auch mal andere Strukturen genauer untersucht werden! Grund dafür können häufig artikuläre Blockaden, degenerative Erscheinungen oder angeborene anatomische Variationen des muskuloskeletalen Bewegungsapparates sein. Wenn diese nicht behandelt werden, nutzt auch jegliches Rollen nicht und der Sportler wird niemals sein bestmögliches Leistungsniveau erreichen.

Ihr seht also, dass der Foam Roller ein nützliches Produkt und ein Meilenstein im Bereich der Verletzungsprophylaxe und Leistungsoptimierung ist, jedoch auch seine Grenzen hat. Man sollte wissen, wie und wann er einzusetzen ist und dabei niemals den jeweiligen Menschen als Individuum aus den Augen verlieren. Außerdem sollte man sich nicht von dem reichhaltigen Überangebot an Produkten blenden lassen. Ein Standard Foam Roller reicht völlig aus und man braucht nicht unzählige Varianten mit besonderen Eigenschaften wie es Einem in der Werbung propagiert wird.

In diesem Sinne wünsche ich Allen ein fröhliches Rollen!

Mit sportlichen Grüßen

Daniel Timmerbrink

Foam Rolling

Veröffentlicht von: admin in Allgemein

Die Kommentarfunktion ist ausgeschaltet.